In den vergangenen Jahren entwickelte die Raisdorfer Schachgemeinschaft zusammen mit verschiedenen Firmen einige Schachbots, welche jüngst die Beta-Testphase erreichten. Diese Programme sollten eigentlich das Spielverhalten unserer Mitglieder simulieren. Grundsätzlich eine hervorragende Idee, doch beim praktischen Test stellten wir einige kuriose Glitches bei diversen Anwendungen fest. Hier folgen zehn der eigenartigsten Design-Features:
Schach-Engines von Senior-Programmierern:
Von den „FLM Industries“ erhielten wir ein Programm, das nach 15 Zügen stets 95 % der vorgegebenen Bedenkzeit verbraucht – unabhängig vom gewählten Modus. In bester Vito-Corleone-Manier folgt anschließend ein Remisangebot, das man nicht ablehnen kann – und die Partie ist beendet.
Auch von der HT-AG bekamen wir eine Schach-Engine, die in der Eröffnung durchaus mithalten kann. Schwierigkeiten treten jedoch im Mittelspiel auf: Wird es nicht spannend genug, wird dem Programm schnell langweilig. Die Folge: In nahezu jedem Zug werden Figuren geopfert, und die Bewertung kippt rasant in eine Richtung.
Der Schachbot der in Kassel ansässigen „Speaker“-GmbH beginnt – wie viele getestete Programme – mit einer soliden Eröffnung. Danach verfällt sie in lockeren Smalltalk, sodass das eigentliche Spiel zur Nebensache wird. Die Partie wird fortgesetzt und schließlich entschieden, doch durch das ständige Gerede bleibt unklar, wie es überhaupt dazu kam.
Aus dem Hause des ältesten noch aktiven Unternehmens erhielten wir eine Software, die zunächst konservative Züge wählt. Nach Abschluss der Eröffnung schaltet die Engine plötzlich auf kompromisslosen Königsangriff um – und führt dabei konsequent den eigenen König ins Zentrum. Hier dürfen alle für sich entscheiden, ob es sich bei diesem Manöver um eine pfiffige Strategie oder einen Verlustversuch handelt.
Der kürzlich zum Senior Developer aufgestiegene Vertreter des „Ehrenmann e.V.“ präsentierte uns Code, der bereits nach wenigen Zügen die Partie links liegen lässt. Stattdessen entwickelt das Programm sein Bisaknosp mit der neu erlernten Attacke „Rasierblatt“ weiter. Zudem reagiert es empfindlich, wenn kein Interesse an goldenen Pokémon-Karten gezeigt wird.
Schachbots von Junior-Entwicklern:
Die Variante der sonst alpinen Firma „Ski Ära“ überzeugt zunächst mit starken Eröffnungszügen. Wenig später verkündet die Anwendung selbstbewusst: „Das ist total gewonnen für mich! EZ Win!“, trägt das Ergebnis ein – und beendet die Partie eigenständig, ohne Eingriffsmöglichkeit.
Eine ebenfalls gesprächige Anwendung stammt von „Savage Inc.“. Schon nach wenigen Zügen produziert sie bemerkenswerte Aussagen wie: „Ich werde deine männliche Gänsehaut drücken.“ Bei solcher sprachlichen Tiefe geraten selbst grundlegende Lebensfragen in den Fokus – das Schachspiel gerät zur Nebensache.
Das Programm des Start-ups „Fünf!“ leidet unter einer äußerst kurzen Aufmerksamkeitsspanne. Partien mit mehr als 90 Sekunden Bedenkzeit sind in den Einstellungen nicht vorgesehen. Selbst dann muss noch der von Lichess inspirierte „Berserk-Modus“ aktiviert werden, um überhaupt starten zu können. Wie viel das noch mit klassischem Schach zu tun hat, bleibt Ansichtssache.
Die Engine der nordischen Organisation „Borrvik Technologies“ bevorzugt die Skandinavische Verteidigung. Nach etwa zehn Zügen wird der Bildschirm schwarz, und der weitere Verlauf bleibt verborgen. Erst fünf Züge vor Schluss erscheinen die Figuren wieder – mit einer Stellung, deren Bewertung der vor dem Blackout erstaunlich nahekommt. Die anschließende Analyse zeigt: Während dieser Zeit standen beide Seiten mehrfach kurz vor dem Matt.
Als nahezu unbesiegbar gilt das Programm des unabhänigigen Entwicklers J. L. Gröne. Der Code wurde kürzlich überarbeitet, wodurch die Engine deutlich stärker spielt als frühere Versionen. Doch selbst in klar gewonnenen Stellungen lauert eine besondere Gefahr: Sie lenkt so sehr ab, dass man die eigene Zeit vergisst – und kurz vor dem Matt die Partie auf Zeit noch aus der Hand gibt.
Bestimmt habt ihr jetzt auch einmal Lust bekommen, unsere Schachbots zu testen: Dies könnt ihr natürlich erledigen, wenn ihr auf diesen Link klickt.
